
- Lorenzo Della Bianca

- Louis Della Bianca

- Der heute 85jährige Pierre-Marie Della Bianca mit Sohn Jean-Pierre (links), Enkel Daniel, der heute das Geschäft führt, sowie Urenkel Claudio.
100 Jahre Zinngiesserei Della Bianca, Visp
Zinngiesserei hat in früheren Zeiten im Oberwallis nie einen bedeutenden Platz eingenommen. Das haben die bisherigen Forschungen ergeben. Es ist also anzunehmen, dass die Walliser Kannen-Galerie (siehe Bild) aus dem 16. bis 18. Jahrhundert im Museum auf Valeria vorwiegend aus dem welschen Kantonsteil stammt, obwohl eines der Objekte der heutigen „Della-Bianca“-Kanne sehr ähnlich sieht.
Immerhin gab es schon früh im Wallis ansässige Italiener, die sich in dieser Kunst auskannten. Man nimmt aber an, dass sie in erster Linie Wanderspengler gewesen sind, die nur nebenbei Kannen, Teller, Platten usw. gegossen haben.
Gegen die Mitte des 19. Jahrhunderts tauchten in Brig und in Fiesch die Maciago oder Maciaco aus Bognanco oberhalb Domodossola auf und begannen hier mit der Zinngiesserei. Paulo Maciago wirkte vorerst in Brig und dann auch in Naters. Ab 1842 arbeitete er mit seinem Großneffen Giuseppe Petrus zusammen. Dessen Schwester heiratete den Lorenzo Della Bianca.
Dieser Ehe entspross 1867 Sohn Lorenzo, der nach der Schule das Spengler-Handwerk ergriff. Bei seinem Onkel lernte er nebenbei das Kannengiessen.
Nach dessen Tod im Jahre 1891 übernahm Lorenzo dessen Giesserei in Naters. Kurze Zeit darauf liess er sich in Visp nieder. Er verehelichte sich mit Emilia Providoli aus Steg, auch sie eine eingewanderte Italienerin aus Bognanco.
Die jungen Eheleute erwarben 1892 am südlichsten Zipfel des Kaufplatzes von Stoffhändler Luigi Casetti das Verkaufsgeschäft im Erdgeschoss und die Wohnung im 2. Stock. Im 1. Stock blieb noch während vielen Jahren eine Wirtschaft eingerichtet (Wirtschaften, die man über eine Treppe erreichen musste, waren damals in Visp keine Seltenheit). 1915, mitten im ersten Weltkrieg, gelang es dann Lorenzo, an einer Versteigerung auch diesen Teil des Gebäudes zu erwerben.
Direkt über der Strasse befand sich alsbald die erste Werkstatt, in der sowohl Spenglerarbeiten vorbereitet als auch Zinnwaren angefertigt wurden.
Die Zinngiesser-Werkstatt bestand aus einer Feuerstelle mit Kohlen zum Schmelzen des Zinns, einer Werkbank zum Giessen der Kannen und Teller, worauf die Formen zu stehen kamen sowie später eine kleine Drehbank zum Vorfeilen und Polieren der Zinnsachen. Die Formen zum Giessen bezog man von Turin, das Rohmaterial – das Zinn – wurde in Blöcken zu 20 bis 25 kg in Genf gekauft.
Die Hauptarbeit bestand in der Herstellung von Zinnkannen verschiedener Größe von ¼ bis 3 Liter, wobei die 1 Liter-Kanne die gebräuchlichste war. Hauptabnehmer waren Private, die ihre Stuben mit einem solchen Stück heimeliger machen wollten oder ein schönes Hochzeitsgeschenk brauchten. Aber auch Gemeinden, Burgerschaften und auch die Lonza-Werke überreichten auf Wunsch ihren Mitarbeitern und Angestellten als Anerkennung Zinnsachen. Auch Schützengesellschaften sind noch heute fleißige Abnehmer von Walliser Zinnkannen und –bechern. Letztere wurden ebenfalls gegossen und zwar in einem Guss.
In allen anderen Orten des Oberwallis ging aber das Handwerk des Zinngiessers mangels Nachwuchs mit der Zeit ein, so dass schließlich nurmehr die Della Bianca-Werkstatt in Visp solche Produkte herstellte.
Anfangs der 20er Jahre entschloss sich Lorenzo zu einer Erweiterung des Ateliers. An der heutigen Babengasse, östlich des ehemaligen Brunnens, erstellte er eine ebenerdige Werkstatt, auf der er später zwei Wohngeschosse aufbaute.
Da er aber nicht gleichzeitig an beiden Orten voll präsent sein konnte, holte er Hilfe in Bognanco. Zwei, ebenfalls dieses Metiers kundige, Vettern traten den Dienst an. Fast 15 Jahre dienten sie Lorenzo und seiner Familie. Bei dieser hatten sie im Hause auch ihr Heim. Ihre Liebe zum Zinn ging soweit, dass ihr sämtliches Essgeschirr aus diesem Material angefertigt wurde.
Lorenzo seinerseits hatte in der Quincaillerie alle Hände voll zu tun. Der Kaufplatz war damals nicht nur für Visp, sondern auch für die ganze Region ein Einkaufszentrum. Er war gleichzeitig ein Warenumschlagplatz für die Säumer, die hier ihre Tiere für den Weg in die Vispertäler beluden. Dies geschah genau gegenüber der Quincaillerie Della Bianca, im Depot der Witwe Peter Josef Anthamatten, Mutter des nachmaligen Staatsrates Karl Anthamatten.
Lorenzo war von früh bis spät beschäftigt. Er verkaufte nicht nur sämtliche Eisenwaren für Landwirtschaft, Handwerk und Haushalt, sondern u. a. auch Lesebrillen. Er wirkte auch als Coiffeur und schnitt für 10 Centimes mit mechanischer Haarschneidemaschine. Auch Heilmittel hatte er stets an Lager, so z. B. das schmerzlindernde Murmundä-Fett. Die wenige Freizeit, die ihm neben Geschäft und Familie blieb, brachte er oft in seinem Rebberg zu, so dass er auch die Rebbauern bei ihren Problemen fachgerecht beraten konnte.
1935 trat er die Leitung seines vielfältigen Betriebes an seine Söhne ab. Louis, der ältere, wurde – neben seinem Spenglerberuf – Zinngiesser, während Pierre-Marie, der jüngere, heute 85 jährig, in den Handel am Kaufplatz einstieg.
Pierre-Marie Della Bianca baute mit seiner Frau Katharina, geborene Pfammatter aus Eischoll, den Laden mit viel Einsatz zu einem Fachgeschäft aus, das sich bald im ganzen Oberwallis einen Namen geschaffen hatte und wo es alles, wirklich alles zu kaufen gab. Pierre-Maries Dienstfertigkeit ging sogar soweit, dass er praktisch alles beschaffte, was er ausnahmsweise doch nicht an Lager hatte.
Schrauben waren ein Artikel, dem er grosse Aufmerksamkeit schenkte, als er seinerseits das Geschäft übergab, hatte er davon über 5 Tonnen an Lager.
Er führte aber auch sämtliche landwirtschaftlichen Geräte, von den kleinsten Bastnadeln bis zu 3 m langen Ladegabeln, Rebspritzen und Bestandteile, Schafglocken und Treicheln.
Er betrieb Glashandel, führte Fensterscheiben verschiedener Art und in vielen Grössen, Kathedral-Glas, Spiegel auf Mass, er platzierte selber die Fenster, rahmte Bilder, Rafennägel und kleine Schuhschwellen gab es ebenfalls.
Auch sämtliche Geräte für die Hausmetzgete waren bei ihm zu finden, Harz usw.
Lorenz, Sohn des Louis, auch er Spengler und Sanitär-Installateur, war vorgesehen, die Zinngiesserei eines Tages weiterzuführen, doch er verunglückte 1964 in Italien bei einem Autounfall tödlich. Als 1977 der bereits 75jährige Louis Della Bianca immer noch keinen Nachfolger in Aussicht hatte, entschloss sich Jean-Pierre Della Bianca, der 1975 von seinem Vater das Eisenwarengeschäft übernommen hatte, auch die Zinngiesser-Tradition der Familie weiterzuführen.
Louis war stets strikte auf handwerkliche Eigenanfertigung bedacht. In der dritten Generation wurde einzig das Schmelzen der Zinnblöcke geändert, indem man dies nun mit Gas statt wie bis anhin mit Holzkohle besorgte. In Pavone bei Brescia wurde ein Fabrikationsbetrieb aufgekauft und weiterbetrieben. Aber auch in Visp, in der Neuen Bine, wurde ein 200 m2 grosses Atelier erstellt und eingerichtet mit zusätzlich einem noch einmal so grossen Depot. Neben der Zinngiesserei wurde ein Gravur-Atelier mit den modernsten Maschinen eingerichtet. Der Versand in die übrige Schweiz hat sich seither bedeutend verstärkt.
1960 erwarb man das nördlich angrenzende Haus Providoli, das eine Erweiterung des Ladens gestattete.
Der Handel mit Eisenwaren wurde in den 70er Jahren für den Einzelhändler zusehends schwieriger. Sie waren plötzlich nicht mehr das Privileg der kleinen Läden, bei denen jedermann seinen diesbezüglichen Bedarf restlos eindecken konnte.
Sie mussten den Grossflächen-Geschäften weichen, die mit einem reichhaltigen Angebot, mit – dank Grosseinkauf – günstigeren Preisen die Kunden weglockten. Küderli, später das Do it yourself der Migros und schliesslich der Baumarkt des Jumbo hatten zur Folge, dass gleich beide Eisenwarengeschäfte in der Burgschaft aufgeben oder umstellen mussten.
Letzteres war bei Della Bianca der Fall, wo man sich zur Umwandlung in eine Geschenk-Boutique entschloss. Zinnwaren in erster Linie, aber auch Bronze, Messing, Kupfer, Porzellan, Keramik, Kristall und Besteck werden geführt.
Als 1988 das Geschäft an die vierte Generation, an Daniel, Sohn des Jean-Pierre, überging, entdeckte man eine Marktlücke und gliederte ein Jagd- und Sportwaffengeschäft mit eigener Büchsenmacherei an.
Daniel Della Bianca hat somit die ehrenvolle, verpflichtende Aufgabe übernommen, eines der ältesten und bekanntesten Visper Geschäfte ins zweite Jahrhundert seines Bestehens zu führen.

